abgefahren e.V.

reisen in verbindung mit trampen und drausen schlafen

Es gibt nichts was das Reisen und Trampen wertvoller macht, als die Begegnung mit Menschen. Der Einblick in ihr tägliches Leben, die Lifts, bei den man die ganze Fahrt lacht, die unerwarteten Erfahrungen die man mit Menschen macht, die man gerade erst kennen gelernt hat, oder die Begegnung mit einem Gleichgesinnten, mit dem man Stunden lang reden kann. Daraus resultieren Erfahrungen die unser weiteres Leben prägen und für immer als einzigartige Erinnerungen bleiben. Noch wertvoller sind die vielen Perspektiven und Ansichten die man durch diese Menschen kennen lernt, und die einem zum Nachdenken bewegen. Sie helfen einem die Welt, die Menschheit, und das Leben besser zu verstehen.

Auf Reise zu sein bedeutet auch in einer gewissen Weise frei zu sein, denn man ist auf niemanden angewiesen außer sich selbst. All die Sachen, die im normalen Leben die Freiheit einschränken, existieren nicht. Man hat keine Verpflichtungen, keine Termine, keine Arbeitszeiten, keinen Chef der ständig befiehlt, und vor allem keine Routine. Jeder Tag ist ein neuer - jeder anders als der Tag zuvor. Man lebt nach Lust und Laune, lässt sich vom Unbekannten treiben, und benutzt die Ruhe und Zeit um in sich zu kehren, und sich selbst zu finden.

Ich finde auch die Absenz vom Fernseher, ein warmes Bett, gutes Essen und all die anderen komfortablen Sachen die wir im zivilisierten Leben genießen, sehr befreiend. Man merkt beim Reisen einfach dass diese total irrelevant sind - irrelevant zum glücklich sein. Denn alles was man genießt wird nach kurzer Zeit zur Normalität. Sobald es das geworden ist, schätzt man es nicht mehr, und es trägt nicht zum Glück bei. Im Gegenteil, die meisten Menschen streben dann nach mehr weil sie wieder „glücklich“ sein wollen, und sind deswegen unglücklich, weil sie nicht das haben was sie haben wollen. Wirklich Glücklich, über einen längeren Zeitraum, kann nur der sein, der das akzeptiert was er hat, und nicht nach mehr strebt. Es gab keinen Augenblick in meinem Leben, wo mir das alles so bewusst wurde, wie als ich auf Reise war, mich fast ausschließlich von Brot mit Käse ernährt habe, im freien ohne Zelt geschlafen habe, ich jeden Tag Rückenschmerzen vom Rucksack hatte, und trotzdem extrem glücklich war - glücklicher als je zuvor in meinem Leben.

Der letzte Aspekt der Freiheit, welches man durch das reisen erlangt, hat mit dem kennen Lernen diverser Ansichten und Perspektiven von Menschen aus anderen Umfeldern, zu tun. Wenn man überlegt warum man so ist wie man ist, und warum man so denkt wie man denkt, wird einem klar, das dass Sein und das Denken eines Individuums von verschiedenen Einflüssen geprägt und geformt ist, über die man keine Macht hatte. Um spezifischer zu sein, das Denken und das Sein eines Menschen wird von der Erziehung die er erhalten hat, die Art der Bildung die er bekam, die gesellschaftlichen Werte unter den er lebte, und der Kultur in der er aufwuchs, geprägt. Nicht so wichtig, aber auch von Bedeutung, sind die Einflüsse der Medien im jungen Alter, die Wirtschaftsform, und das politische System in dem das Individuum hineingeboren wurde. Von all diesen Einflüssen die uns schaffen, die uns zu dem machen was wir sind, hat kein Mensch selber ausgesucht oder entschieden welche Einflüsse auf ihn wirken und ihn prägen sollten. Der Mensch wird ohne Zustimmung in ein bestimmtes kulturelles und politisches Umfeld hinein geboren und erhält eine Erziehung die er nicht selber ausgesucht hat. Um zu verdeutlichen wie entscheidend diese Einflüsse unser Selbst formen und prägen, werde ich eine Hypothese aufstellen. Nehmen wir an ich wäre in China aufgewachsen, und nicht in Deutschland, würde ich dann nicht, wegen einem komplett anderen Umfeld, anders Denken, Leben, und Sein? Wäre ich in Pakistan geboren und nach streng Islamischen Sitten erzogen worden, wäre ich dann nicht auch Moslem? Bis zu einem bestimmten Alter jedenfalls schon. Daraus schließe ich, das der Mensch zunächst mal nicht viel mehr als ein Produkt verschiedener Umstände und Faktoren ist. Es gibt jedoch eine Möglichkeit sich von dem Produkt, zu dem man gemacht wurde, zu befreien und sich selbst zu schaffen. Nämlich durch ständiges, kritisches analysieren und hinterfragen von absolut alles woran man glaubt, durch ein Leben welches vom Verstand und vom rationalen Denken geleitet wird, durch eigenständige Bildung (da die Bildung vom Staat meist Subjektiv ist), und durch das kennen Lernen von Menschen aus anderen Umfeldern, mit verschiedenen Ansichten, Perspektiven, und Lebensweisen, die einem helfen die eigenen Ansichten zu hinterfragen und auch oft den eigenen Horizont zu erweitern. Tut man dies nicht, kann man unmöglich frei sein und bleibt für immer ein Produkt - wie ein Computer, welches das ausführt was in ihn, ohne das er es ausgesucht hat, hineingesteckt wurde. Es gibt wohl keinen besseren Weg den letzten Punkt zu erfüllen als durch das Reisen. Denn gerade wenn man verreist lernt man unheimlich viele Menschen aus verschiedenen Umfeldern mit komplett anderen Ansichten und Werten kennen. Klar, man kann auch über solche Sachen lesen und sich so neue oder veränderte Sichtweisen aneignen, jedoch ist die direkte Erfahrung um einiges wertvoller und hilfreicher.

Beim Reisen und Trampen erfährt man immer wieder das Gute am Menschen. Man trifft Personen die einen Einladen bei sich zu übernachten, man kriegt Lifts wo die Fahrer extra Umwege gehen oder weiter fahren, damit man an seinem Ziel ankommt, und man kriegt von Menschen Sachen ausgegeben, obwohl sie selber nicht viel haben . Es gibt mir einfach Hoffnung, dass das Gute immer noch in dieser Welt existiert. Eine Welt in dem die meisten Menschen nur an sich denken und gierig sind. Eine Welt voller Krieg, Armut, soziale Ungerechtigkeit, Hunger, Krankheiten, und Ausbeutung. Aber das Gute existiert noch, und beim Reisen wird man ständig durch herzvolle Menschen daran erinnert.

Es gibt für mich fast nichts Faszinierenderes als die Komplexität, Diversität, und Schönheit der Natur. Gerade wenn man verreist erfährt man sie immer wieder und immer in verschiedenen Formen. Was gibt es denn friedlicheres und schöneres als ein Sonnenuntergang an einem einsamen Strand umgeben von Klippen, der Aufstieg zu einem Gipfel von wo man eine unglaubliche Aussicht hat, oder einfach ein abgeschiedener, unberührter Wald in dem sich eine erstaunliche Flora und Fauna befindet? Aber vor allem der Frieden, der in der Natur existiert, macht mich immer wieder glücklich. Klar, der Egoismus ist auch in der Natur vorhanden. Allerdings ist er in der Natur, im Gegensatz zu dem menschlichen Egoismus, auf das Überleben begrenzt und die Ungerechtigkeit und das Leid, welches durch das „fressen und gefressen werden“ entsteht, mag zwar auf den ersten Blick nicht sehr friedlich wirken, jedoch hat sie eine sehr positive Seite. Denn der Tod, oder das gefressen werden von einem Lebwesen, führt zum Leben des anderen. Also ist auch der Leid und die Ungerechtigkeit eines kurzen Lebens, auf das Überleben begrenzt. Der Mensch jedoch unterdrückt den Menschen, der Mensch beutet seine eigene Spezies aus, lässt sie Bewusst leiden, und der Mensch führt sinnlose Kriege gegen sich selbst – nichts dieser Eigenschaften ist in der Natur zu finden. Es ist einfach ein unglaubliches Gefühl sich irgendwo in der Natur hinzusetzen und den Frieden, die Schönheit, die Diversität, und die Komplexität zu betrachten und auf sich wirken zu lassen.

Wie Mark Twain mal so schön sagte,
„Twenty years from now you will be more disappointed by the things you didn't do than by the ones you did do. So throw off the bowlines. Sail away from the safe harbor. Catch the trade winds in your sails. Explore. Dream. Discover.“

gruese aus ueberall und nirgendwo ;)

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Reisen

Danke Daniel!
Dein sehr umfassender fast philosophischer Beitrag beschreibt so viele Seiten des Reisens und Trampens auf eine Weise, die jeder, der selbst schon mal solche Erfahrungen gemacht hat, bestens nachempfinden kann und kaum besser hätte beschreiben können! Mir jedenfalls geht es so. Deine Worte lesen sich wie eine Einladung...

Reisen

Hi Daniel!
Einen sehr schönen Essay übers Trampen hast du da geschrieben.
Ich kenne viele Gefühle, die du beschreibst, sehr gut selbst, obwohl ich noch nicht so viel Tramp-Erfahrung habe, z.B. dass man immer wieder
Menschen trifft, die einen nicht nur mitnehmen, sondern Sachen schenken, Umwege fahren etc.
Nur eine philosophische Anmerkung (:
Ich glaube nicht, dass man sich irgendwie von seiner Umwelt (und sich selbst) lösen kann um Frei zu sein. Es geht letzten Endes nur darum glücklich zu sein, und das kann man durch kritisches Hinterfragen und Analysieren schaffen (bzw. das was man so nennt), aber auch genauso, indem man das Denken sein lässt.
Liebe Grüße
checki

danke fuer die Komplimente@

danke fuer die Komplimente

@ cheki: ja klar man kann auch ohne zu denken gluecklich sein, aber nicht frei. fuer ein sinnvolles leben glaube ich das es sehr wichtig ist frei zu sein bzw. frei zu werden, und das kann man auf jeden fall durch hinterfragen und kritisches analysieren schaffen. das was ich in den letzten 3 Jahren erreicht habe ist der beste Beweis dafuer. meine jetzige existenz, oder charakter und denkweise, kann man auf absolut keinen einfluss zurueckfuehren. im gegenteil, man wuerde sich wundern warum ich jetzt so bin wie ich bin ;)probiers einfach aus und ich wette mit dir das du dich veraendern und frei fuehlen wirst ;)

liebe gruese, Daniel

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