Tee und Schafe
Auf dem Weg zur ehemaligen Hauptstadt der Hetither, Hattuscha, ein paar Ruinen, die östlich von Ankara liegen, und von dort nach Ankara bin ich insgesamt etwa 60km getrampt. Man könnte statt trampen in der Türkei auch "Tee trinken" sagen, damit verbringe ich mehr Zeit als mit an-der-Strasse-stehen. Ausserdem habe ich jetzt ein Palituch und bin St. Pauli - Fan. Es blieb mir nichtsmehr anderes übrig.
Ich komme also von Kars mit einem Nachtzug in einem Ort namens Yerköy an und beschliesse, heute mal wieder zu trampen. Züge sind so billig und komfortabel in der Türkei, aber das Netz ist sehr klein. Bis Bo?azkale, dem Ort neben den Ruinen, die ich sehen wollte, sind es nur 70km.
Das erste Problem: Wie finde ich aus der Stadt heraus? Ich kann genug Türkisch um zu Fragen, wo die Strasse nach Yozgat ist. Die Leute sind auch sehr hilfsbereit und es spricht mich ohnehin fast jeder an, wenn ich mal eine Minute stehenbleibe, weil ich der einzige Rothaarige zwischen hier und Ankara bin.
Das Problem ist nur, dass die Leute das mit dem Trampen nicht verstehen und mir oft nicht die Richtung zeigen, sondern die Richtung zur naechsten Bushaltestelle, von der aus ich dorthin fahren könnte. Um das zu umgehen frage ich die Leute, wohin die Strasse führt, auf der wir jetzt stehen. Trotzdem kommt es oft genug zu solchen Gespraechen:
- Merhaba. Wohin führt diese Strasse?
~ Kann ich dir helfen?
- Ja. Du kannst mir sagen, wohin diese Strasse führt.
~ Wohin willst du denn?
- Ich will lediglich wissen, wohin diese Strasse führt.
~ Speak english? Where do you come from?
- Yes, I speak english. I come from Germany. Can you tell me where this street goes to?
~ Ah, Germany! Bayern München, you know Bayern München?
- Yes.
~ Where going?
- I am hitch-hicking to Hattusha. I want to know which street goes to Yozgat. Can you tell me if this one does?
~ (Jetzt wieder Türkisch) Ich helfe dir. Trinkst du Tee?
- Wohin führt nun diese Strasse?
~ Nach Yozgat gehtst du am besten da vorne hin, bei der Brücke. Der Minibus nach Yozgat faehrt da vorbei. Jetzt trinken wir erstmal einen Tee.
Nach zwei Tee mit je zwei Stück Zucker und der Versicherung, dass ich ganz gewiss nicht mit dem Bus fahren will, werde ich entlassen und mache ich mich auf den Weg über die Brücke. Am Ortsausgang, einen guten Fussmarsch entfernt, ist eine Tankstelle, dort ist nichts los und ich stelle mich an die Strasse.
Das dritte Fahrzeug das kommt, haelt an. Ein Lastwagen mittlerer Grösse und alter Bauart, vorne drin sitzen schon drei Maenner aber ich und mein Rucksack haben noch Platz. Der neben mir heisst Mustafa und jetzt gehen wir erstmal alles durch: Wo ich herkomme, was ich hier mache, warum ich denn Türkisch kann, ect. Ich habe Unterhaltungswert. Schnell voran komme ich zwar nicht, aber es ist warm und lustig. Hinten im Lastwagen sind Schafe. Yozgat ist 45km entfernt.
Wir halten fast 15 Minuten an einem Kiosk, verkaufen dann offensichtlich fünf Schafe und es gibt Probleme mit dem Kioskbesitzer. Der mittlere Mann verlaesst uns, Mustafa füttert mich mit Keksen und Cola. Nochmal eine halbe Stunde spaeter halten wir wieder, im Schlamm neben einem Bauernhof. Der Fahrer beginnt, die Schafe aus dem Wagen zu treiben. Mustafa haengt mir sein Palituch um und drückt mir einen langen Stock in die Hand. Die beiden ziehen nach 20 Schafen noch einen Stier, zwei Kühe und zwei Kaelber aus dem Wagen.
"Pass auf, dass die Schafe nicht auf die Strasse laufen.", sagen sie mir und verschwinden mit dem Rindvieh. Da steh' ich also mitten in der Türkei an der Strasse vor einem Weiler mit einem langen Stock und 20 Schafen. Aber Schafe sind Herdentiere. Solange sie in einer Gruppe bleiben, lassen sie sich leicht kontrollieren. Nach ungefaehr zehn Minuten kommt Mustafa zurück und wir treiben die Schafe in einen Stall.
Yozgat ist jetzt nichtmehr weit weg. Ich will Mustafa das Tuch zurückgeben, er aber will es nichtmehr und besteht darauf, dass es sein Geschenk an mich ist. Überhaupt bin ich jetzt Mustafas Freund und sein Gast in Yozgat, er will mit mir etwas essen und organisieren, dass ich irgendwie nach Bo?azkale komme. Wir essen Schaf auf frisch gebackener Pide und trinken Tee. Mustafa findet heraus, dass ein alter Mann mit seinem roten Kleinbus in drei Stunden nach Bo?azkale faehrt und mich mitnehmen würde.
In den folgenden drei Stunden führt Mustafa mich einmal durch die ganze Stadt und zeigt seinen Freund aus Deutschland allen, die er kennt. Da er mit Schafen handelt, kennt er jeden Metzger in der Stadt und wir trinken bei jedem Metzger einen Tee (und ich brauche für diesen starken Tee immer zwei Stück Zucker). Ausserdem gehen wir in ein Café, das sehr nach Fastfood ausschaut und in das man nur kommt, wenn man durch einen Schuhladen geht, wir trinken auch einen Tee mit dem Schuhhaendler, mit einem Freund aus Mustafas Militaerzeit und in einem weiteren Café mit zwei anderen Leuten, die er kennt und von denen einer Polizist ist. Zwischendrin gehen wir noch in einen Photoladen und lassen ganz professionel ein Photo von uns beiden zusammen machen. Überall muss ich sagen, dass ich aus Deutschland bin, Karl heisse und in ?stanbul studiere.
Der alte Mann verlangt schliesslich 15 Lira für die 30km nach Bo?azkale, als wir schon fast da sind. Alle anderen Mitfahrerinnen sind alte Frauen, die in der Stadt waren, um einzukaufen.
Am naechsten Tag aehnliches: Ich trampe ohne Probleme zur naechsten Stadt. Der Mann, der mich mitnimmt, ist grosser Fussballfan und will, wie alle hier, wissen, welchen Verein ich in Deutschland unterstütze. Ich hasse Fussball. Um das Thema möglichst schnell hinter mich zu bringen und um nicht in seltsame Diskussionen zu geraten, sage ich einfach: St. Pauli. Kennt er nicht. Die spielen in der zweiten Liga.
Ich habe keine Ahnung, ob St. Pauli wirklich in der zweiten Liga spielt oder in der dritten oder ob es überhaupt eine dritte Liga gibt. Aber ich kann mir wenigstens sagen, dass St. Pauli Fan zu sein etwas politisches ist...
Der Mann ist der Besitzer eines Pide-Ofens mit Restaurant und würde mich am liebsten behalten bis ich vor lauter gezuckertem Tee so fett geworden bin, nichtmehr gehen kann. Ich beschliesse also, lieber für den Bus nach Ankara zu zahlen, als noch öfters zum Essen eingeladen zu werden.
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hi karl, schön von dir zu hören! nette geschicht, ich bin gespannt wie dein nächster trip wird... ;-) tee gibts nicht nur in der türkei! deine geschichte erinnert mich an meinen letzten england trip. als ich von brighton zurück wollte, wurde ich von meinem ersten lift auch auf nen tee eingeladen. ein paar jungs (von der band 'turning green') die nen bus abholen mussten, um dann zu ihren gig zu fahren, aber es geht doch nichts über ne gemütliche teezeit um zehn!
Hey Karl, wirklich toller Beitrag.
Gefällt mir, macht aber die Wartezeit auf den Trip in die Türkei im Sommer nur noch unerträglicher :-)
genau so ist es! sehen wir uns in der türkei platschi? ich bin so etwa ende mai dort! (hoffe ich)
Hey quarim,
ich kann erst am 28. juni starten, werde dann aber schnellstmöglich den Weg bis in die Türkei einschlagen und dort dann gemütlich bis Syrien/Jordanien trampen :)
Ende Mai ist leider ein Monat zu früh ;)
ich wollte, wenn die zeit und das geld und die lust da ist ja auch noch ein stückchen weiter. durch syrien und jordanien, bis nach ägypten! sagmal holst du dir das visa für syrien hier schon oder machst du das in ankara?
Moin,
wie lange planst du denn unterwegs zu sein, und wo so lang? Vielleicht könnte man sich unterwegs ja mal auf nen Tee treffen ;-)
Das Visa werde ich mir wohl in Deutschland kaufen, falls es klappt diese Woche noch nen neuen (kotz) Pass beantragen und dann ungefähr im April/Mai mal kurz zum Konsulat nach Hamburg oder Berlin trampen.
Ich weiss ja eigentlich sicher das ich nach Syrien möchte, deswegen warte ich nicht erst bis ich in Ankara bin. Wer weiss wie lange ich da warten muss oder wieviel Euros man dort drauf zahlt ;-) Ich hab letztes Jahr in Bulgarien einige Bulgaren getroffen, die sich das Visum für Syrien in der Türkei (ich glaube in Istanbul) beim Syrischen Konsulat kaufen wollten und ewig und drei Tage warten mussten, da die sich natürlich schön viel Zeit gelassen haben. Schau' mer mal.
Oder du suchst dir ne Reisegruppe, da "Gruppenreisende" ja an der Grenze direkt Visa bekommen. Whatever, wird wohl klappen.
Visa für Jordanien bekommt man laut Auswärtigem Amt direkt an der Grenze, wenn du nicht gerade aus den Palästinensischen Autonomiegebieten einreisen möchtest.
Ich habe Istanbul als minimal Ziel und Ende der ersten Etappe gedacht. Ich will mich vorher nicht sooo unbedingt festlegen! Ich werde mir dann das Visum wohl in Istanbul beim Konsulat holen. Ich denke man kann es in Istanbul ganz gut ewig und drei Tage aushalten. Da gibt es ne Menge zu sehen. Ich will mir jetzt noch kein Visa kaufen, dann stell ich auf einmal fest, dass ich keine Zeit oder kein Geld oder keine Lust mehr habe weiter zu trampen und dann hab ich es umsonst :) also gut, wenn es da geht, dann mache ich es erst dort.
Ja wir sollten uns auf jeden Fall mal treffen. Ich plane Anfang April loszufahren. Ich trampe nicht den direkten Weg dorthin, sondern über Kroatien, Montenegro, Albanien, Mazedonien, Griechenland. Ich denke, dass ich bis Ende Juni maximal Zeit haben werde. Vielleicht treffen wir uns, wenn ich auf dem Rückweg bin und du gerade lostrampst.
Ja der neue Pass ist echt zum Kotzen. Ich habe meinen noch in der letzten Oktoberwohe beantragt. So bleibt mir wenigstens der Fingerabdruck erspart. Naja biometrische Daten sind ja auch schon genug. Den meisten Leuten scheinen diese Maßnahmen (dazu zählt auch Vorrratsspeicherung und Online Durchsuchung)... "zum Schutz des deutschen Volkes" *hust hust* ja eh nichts auszumachen. naja politik der Angstmacher würde ich mal sagen. Mah den Leuten vor den bösen Terroristen richtig Angst, dann werden sie bereitwillig alle Einschnitte in ihre Freiheit akzeptieren. Aber das soll ja kein politisches Forum sein hier ;) (oh ichseh gerade ich bin nicht im Forum sondern in nem blog)








