abgefahren e.V.

Tramptour #1: Dresden - Budapest und zurück (Tag 2-4)

(vom 12.08.07)
written by Tsuk

Tag 2: Praha - Brno
Nach einigem Alkoholkonsum wegen der niedrigen Preise fernab der Tourimeile kam es mir in den Sinn den Fuehrer zu spielen. Das erwies sich als fatal. Als wir zum ersten Mal nach dem Weg fragten waren wir zwar am Ende des Zentrums, aber leider am falschen Ende. Soviel dazu. Aus einem 1h Weg wurden 3 Stunden. Aber wir haben viel vom naechtlichen Prag gesehen, mehr als die meisten Touris.

Am naechsten Morgen stopften wir uns extra zeitig gegen 9 Uhr mit dem duerftigen, aber reichlichen Fruehstueck voll und verliessen das, uebrigens spinnenverseuchte, Boot. Aus Prag herauszukommen war theoretisch gesehen leicht, praktisch verliefen wir uns wieder mal voellig. Nach zwei Stunden kamen wir endlich an der Autobahn an und suchten uns die erstbeste Auffahrt. Erneut ein Fehler wie sich nach fuenf Stunden herausstellte. Wir wurden nicht nur von Securities eines nahe gelegenen Einkaufszentrums dreimal des Platzes verwiesen, es hielt auch kein einziges Auto, abgesehen davon dass fast keines kam. Voellig entnervt brachen wir zur naechsten Autobahnauffahrt auf. Wie sich 400m weiter herausstellte, handelte es sich dabei zu unserem Glueck um Auffahrt, Baustelle und Tankstelle in einem. Nach 5min wurden wir mitgenommen.

Unserer Fahrer sprach uns voellig ueberraschend auf slowakisch, tschechisch oder wasauchimmer von hinten an und wollte anscheinend nach dem Weg fragen. Nach etlichen Verstaendigungsversuchen mit Haenden, Fuessen und unserer Tschechienlandkarte stiegen wir schliesslich als Lotsen in einen unbeschreiblichen hellgruenen Sprinter ein, Foto folgt und befanden uns nach kurzem Stau gegen 17 Uhr auf freier Fahrt in Richtung Brno. Die Verstaendigung war ziemlich schwierig, wie sich herausstellte sprach er aber ein paar Worte Deutsch und zwei, drei Englisch. Er war mit seinem wunderschoenen Arbeitsauto unterwegs nach hause in die Ostslowakei, leider nicht ueber Bratislava. Schon am Anfang betonte er dass es ein sehr langsames Tempo werden wuerde, was uns zu dieser Zeit egal war, wir spaeter aber sehr vermissten, aber dazu nachher mehr.

Zu Brno, wie wir es beim Aussteigen erlebten, ist nur eines zu sagen. Stellt euch Prjprat aus Stalker in echt vor... Also verliessen wir fluchtartig die Stadt in Richtung Autobahnraststaette. Zunaechst auf dem Mittelstreifen einer Schnellstrasse, und dazu zu sagen ist, dass Slowaken seeehr schnell fahren, spaeter dann ueber diverse gutgeduenkte Felder und eh wir uns versahen waren wir mal wieder mehrere Kilometer gelaufen und hatten dabei nicht nur den perfekten Shishaplatz entdeckt sondern waren auch Zeugen eines durchaus spektakulaeren wenn auch kleinen Maleurs einer Autobahnfahrerin, die Bekanntschaft mit der Leitplanke suchte. Leider hatten wir keinen Platz fuer die Shisha gehabt.

Ermutigt durch einen Tramper der vor unseren Augen mitgenommen wurde beschlossen wir wenn noetig die ganze Nacht durchzumachen um aus dieser Horrorfilmkulisse zu entkommen. Neun Stunden und zahllose Niederlagen von Ans in Maumau spaeter fragten wir gegen drei Uhr einen Trucker. Weil wir wussten dass nur zwei Personen in der Fahrerkabine erlaubt sind, war es wohl eher eine Verzweiflungstat. Doch die lohnte sich.

Tag 3: Brno - Bratislava - Bratislava - Ungarn - irgendwo vor Budapest
Der slowakische Trucker hatte gute Deutschkentnisse und musste seine Lieferung von den Niederlanden direkt nach Bratislava bringen. Mit drei Leuten vorne hatte er kein Problem, nur die Bullen an der Grenze wuerden eines haben, deswegen bin ich vorher kurz rausgesprungen und hab mich ueber einer Grenze voller im Halbschlaf versunkenen Polizisten geschlichen um vier Meter danach vom laut hupenden Trucker wieder eingesammelt zu werden. So gemuetlich wie dort sind wir noch nie getrampt, was ich zu einem kleinen Nickerchen nutzte, waehrend sich Ans mit dem Trucker ueber alles moegliche unterhielt. Kurz hinter der tschechischslowakischen Grenze gab uns der nette Truckerfahrer jedem ein Sandwich und einen Kaffee aus, wofuer ich ihm schliesslich mit einer Kippenschachtel dankte. In Bratislava angekommen feierten wir unseren Sieg um fuenf Uhr frueh mit zwei gediegenen slowakischen Halbliterdosen Staropramen fuer unter einem Euro und ohne Pfand!

Doch die Freude waehrte nicht lange, denn bald bekamen wir mit, dass die Tankstelle so gut wie unbefahren war. Das einzige spannende in den folgenden Stunden waren zwei Wagen, deren Fahrer anscheinend von den Zapfsaeulen gefressen worden waren, an denen sie standen ... auch als wir die Tankstelle gegen 9 Uhr verliessen um eine Auffahrt zu suchen standen sie zum Aergernis einiger tankenden Fahrer unberuehrt da.

Auch wenn wir sie erst nicht als solche erkannten, war die gesuchte Auffahrt nur 50m entfernt. Nach einer halben bis dreiviertel Stunde, die wir damit verbrachten die raetselhaften Gesten der vorbeirasenden Autofahrer zu deuten, hielt mit quietschenden Reifen ein waschechter aelterer Slowake mit rotem Lieferwagen, der durch jeden TUeV nach wenigen Sekunden durchgefallen waere. Er sprach kein Wort Deutsch oder Englisch, dafuer umso mehr slowakisch auf uns ein. Im Nachinein entraetselten wir, dass wir an einer von der richtigen Autobahn viel zu weit entfernten Stelle standen, er uns mitnehmen, seine ungeheuer lecker riechenden broetchenaehnlichen slowakischen Spezialitaeten ausliefern, uns ein wenig Bratislava zeigen und an der richtigen Autobahn absetzen wuerde.

Waehrend dieser umfangreichen Stadtrundfahrt, bei der wir ausser Waelder und heruntergekommenen Gassen vor allem Platten zu Gesicht bekamen, stellte sich heraus, dass er ein begeisterter Bratislavianer war. Voller Eifer zeigte er uns das "Television" Fernsehhochhaus, das "Hospital" Plattenkrankenhaus und das "Restaurante" seltsames UFO, das mitten in die einst so schoene Altstadt Bratislavas gepflanzt wurde. Der eigenwillige Fahrstil, das gebrochene aber wieder angeschweisste Kupplungspedal und grottenschlechte Strassen vervollstaendigten das Gesamtbild. Egal, er hab jedem von uns zwei seiner leckeren Spezialitaeten aus und meinte noch, normalerweise esse man sie mit einem guten Bier. Allerdings war sein guter Wille so gross, dass er uns mitten auf der Autobahn rausliess und dabei mal wieder fast einen Unfall provozierte.

Jeder kann sich vorstellen, dass wir kein Glueck damit hatten, die 100kmh schnellen Autofahrer per Handzeichen zum Anhalten zu ueberreden, so dass wir es ausserdem auf der Einfahrt versuchten. Wie sich herausstellte fuhren zwar viele ab aber die Einfahrtsfrequenz lag bei ganzen vier Autos und einer Taxe pro Stunde. Also zogen wir es vor mal wieder zu laufen. Unzaehlige Kilometer Leitplanke und einen weiteren Ohrenschaden spaeter standen wir ploetzlich an der Sackgasse. Links die Autobahn, rechts die Schallschutzmauer. Wie sich herausstellte befanden wir uns mitten auf einer Bruecke. Doch schliesslich entdeckten wir eine Luecke in der Mauer und balancierten zu einem Hang, an dem wir unter die Bruecke gelangten. Der dort stehende Zaun war zum Glueck schon von anderen Trampern bearbeitet worden, so dass das Passieren auch mit Gepaeck kein Problem darstellte. Auf der anderen Seite genau das gleiche Spiel bloss dass Ans danach seltsamerweise gruene Laermschutzwandfarbenhaende hatte.

Einige Kilometer spaeter kamen wir an eine Raststaette. Zumindest sollte sie mal eine werden. Im Grunde handelte es sich hier um einen Parkplatz mit zwei Dixieklos. Doch da aller 5min ein Auto zur Pinkelpause einbog, entschieden wir es trotzdem zu versuchen. Ausserdem wollten wir keinen Schritt weiter. Abwechselnden extremen Sonnenschein und kurzen Regenschauern zum Trotz hielten wir es einige Stunden durch und vertrieben unsere Zeit indem wir uns ueber ein Punkpaaerchen lustig machten, das sich mit ihrem zum Wohnmobil umgebauten LKW auf dem Rastplatz haeuslich niedergelassen hatte. Nach einer Weile kamen zwei weitere Tramper des Weges. Es waren zwei Iren, der eine lebte aber in Paris und der andere in Deutschland, so dass wir uns sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch unterhielten. Der Pariser hatte den ganzen weiten Weg per Trampen zurueckgelegt, der andere war in Prag zu ihm gestossen. Sie wollten zu Fuss die nahe slowakisch ungarische Grenze ueberqueren. Nach einer Weile machten sie sich auf den Weg. Wir wollten uns noch eine Stunde ausruhen, so dass wir nun neben dem PunkLKW als einzige auf dem Rastplatz verblieben bis der Punklaster etwas unerwartetes tat. Er fuhr los.

Um uns weiter ueber ihn lustig zu machen hielten wir den Daumen raus obwohl seine Sitzbank hoffnungslos ueberfuellt war. Doch voellig ueberraschend hielt er und bot uns die Mitfahrt an. Nachdem die Rucksaecke hinten verstaut hatten fuhren wir hochgradig illegal in Richtung naechster Raststaette. Zu fuenfst auf der Sitzbank ... vier Personen und ein Hund, umgeben von Gepaeck und sonstigem Ramsch. Die naechste Ueberraschung erwartete uns bereits. Es waren nicht nur Punks die uns mitnahmen, sondern auch Froschfresser. Doch die beiden waren wider jeglicher Vorurteile extrem sympathisch und aufgeschlossen.

Das, wie sich herausstellte, verheiratete und sehr spontane Paerchen war von Frankreich ueber Belgien, Prag und Bratislava unterwegs nach Italien. Die Frau sprach neben Franzoesisch und Englisch auch ein bisschen Deutsch, so dass wieder einmal zweisprachig kommuniziert wurde. Womit die beiden aber nicht gerechnet hatten, das war die slowakisch ungarische Grenze, die wir zu passieren hatten. Waehrend sich der Hund hinter dem Sitz unter einem Rucksack verkriechen musste, war ich mal wieder gezwungen, die doppelte Autobahngrenze zu Fuss zu ueberqueren. Langsam bekam ich Uebung, keiner wuerdigte mich eines Blickes. Fuenfzehn Meter hinter der zweiten Kontrolle stieg ich wieder zu und auch der Hund durfte wieder laut bellend am Platzproblem auf der Sitzbank teilhaben.

Am Rasthof angekommen und eine falschrum gefahrene Einbahnstrasse samt wild hupender Italiener hinter uns, fanden wir schliesslich einen Parkplatz. Beim Essen und Energydrink Kaufen fiel sofort auf, dass wir zu unserem Leidwesen auf einer absoluten Touristenfalle gestrandet waren. Trotz guter Trampstelle nahm uns ewig keiner mit. Die meisten waren voll besetzt oder fuhren nicht nach Budapest. Oder es waren ganz einfach Deutsche. Haetten wir uns getrennt, waeren beide von uns rasch nach Budapest gekommen, doch das kann man im Voraus ja nicht wissen.

Mit der Annahme erneut bei Franzosen zu fahren stiegen wir bei einem Rumaenen ein, der mit seinem Bruder in einem anderen vollbesetzten Wagen nach Rumaenien unterwegs war. Rumaenen wollen grundsaetzlich etwas Geld fuers Mitnehmen haben, worauf wir ihnen als Ersatz zwei Kippenschachteln anboten. Waehrend der wirklich beaengstigenden Raserei versuchte er uns ununterbrochen um Geld anzuschlauchen. Wir redeten uns auf Englisch damit raus, dass wir aus dem ach so armen ehemals kommunistischen Ostdeutschland stammen.

Dummerweise lag das Autobahnkreuz mit der Abfahrt nach Rumaenien weit vor dem versprochenen Ziel Budapest, so dass wir uns spaetabends an einer Schnellstrasse mitten in der ungarischen Pampa wiederfanden. Die Suche nach einem Zeltplatz verlief ergebnislos, der naechste Bus kam zudem erst um sieben frueh, so dass wir uns ins einigermassen nahe gelegene Einkaufszentrum schleppten und ein wenig Essen und Trinken kauften. Danach begaben wir uns auf die Suche nach einer Stelle zum Pennen, nach 39 Stunden ohne Schlaf. Doch auch der wuerde weitere 2 Stunden auf sich warten lassen, da der einzig guenstige Platz bereits vergeben war ... von wem war wegen der Dunkelheit nicht genau zu erkennen. Nachdem wir uns entschieden hatten, dass an der Bushaltestelle einzupennen keine gute Idee war, wollten wir uns gerade in die Naehe eines Baumarkts legen als dessen Nachtwaechter seine Runde machte. Wir traten die Flucht nach vorne an und fragten nach einem Bus oder einer Bahn nach Budapest. Er konnte zwar kein Wort Englisch oder Deutsch, gab uns aber zu verstehen, dass es fuer Budapest bereits zu spaet war. Das Angebot, uns ein Taxi zu rufen, nuetzte leider wenig, da der Taxiruf aus unerfindlichen Gruenden nicht erreichbar war.

Tag 4: Budapest!
Zurueck an der Autobahnbruecke, voellig ausserstande noch einen weiteren Schritt zu tun, legten wir uns direkt zwischen Autobahn und Bahnstrecke hinter drei einzelne Baeume. Zum Glueck breiteten wir Kamis Zeltplanen unter und ueber uns aus, denn kurz nachdem wir trotz vorbeirasender Autos, LKWs und Zuege eingepennt waren, fing es an zu schuetten. Als wir wieder aufwachten fanden wir uns in einer riesigen Wasserlache wieder, die sich aufgrund des loechrigen Ueberzelt ueber uns und der Hanglage unseres Schlafplatzes gebildet hatte. Trotzdem schafften wir es nicht, uns aufzuraffen und schliefen weiter bis nach Sonnenaufgang. Als das Wetter auch dann nicht besser wurde, machten wir uns voellig durchnaesst daran, unsre Sachen zu packen und auf den 7 Uhr Bus zu warten, der gluecklicherweise in die richtige Richtung fuhr.

Der Busfahrer war ein netter Slowake, der zwar nur einzelne Woerter Englisch und Deutsch sprach, dafuer aber umso hilfreicher war. Er machte uns auch darauf aufmerksam, dass es sowieso keine Ticketkontrolle gab, so dass wir nach einem einmaligen Umsteigen kostenlos in Budapest ankamen. Auch fuer die Strassenbahn ins Zentrum zahlten wir nichts, weil die Fahrkartenautomaten einfach weigerten zu funktionieren.

Schliesslich fanden wir fuer die heutige Nacht noch ein sehr ausergewoehnliches und guenstiges Hostel mit kostenlosem Internet, auch wenn wir drei Stunden auf den Besitzer warten mussten, weil der verschlafen hatte. Inzwischen waren wir bei den ungarischen Bekannten meiner Eltern, einem aelteren Professorenehepaar bei guter ungarischer Kueche essen und fuehlen uns wieder einigermassen fit, wenn auch saumuede. Deshalb erstmal genug fuer heute, wir gehen jetzt pennen.

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