abgefahren e.V.

Mein Russland Projekt

Hallo liebe Autostop Gemeinde

Die die in Kolobrzeg dabei waren wissen es ja schon: Ich will die vier Ecken Russlands per Autostop erreichen. Ab und an werd ich hier mal reinschreiben wo ich bin, und evtl noch was nettes dazu erzaehlen...

Bisher bin ich rund 5.750 km getrampt und bei insgesamt 47 Leuten mitgefahren.Alle befuerchtungen den Russen gegenueber haben sich bisher in Luft aufgeloest. Keiner will Geld und ich habe so ein bisschen das Gefuehl, sie sind so ein bisschen erfreut, zum ersten Mal in ihrem Leben einen Auslaender mitzunehemen. Als ich an der norwegisch-russischen Grenze aus meinem Zelt geklettert bin, hab ich einen russischen Jeep gesehen, in dem ein (wohl recht wohlhabendes) Ehepaar sass. Die haben mich dann auch eingeladen und wir sind grade noch rechtzeitig zum Grenzoeffnungszeremonial (mit Stechschritt, salutieren und Fahne ausrollen und hissen. dann nochmal salutieren und im Stechschritt wieder zurueck) in den abgesperrten Bereich gefahren. Schon cool, in der Arktis hat wohl noch keiner bescheid gesagt, dass der kalte Krieg vorbei ist. Gleich hinter der Grenze kommt die Stadt Nickel, die wohl zu den dreckigsten der Welt gehoert. Aleksandr hat kurz gehalten und ich hab schnell ein paar Fotos gemacht (eigentlich verboten, Militaerischer Bereich, pfff). Echt krass: Eine riesen Fabrik, ein paar Plattenbauten drumrum und ringsrum ca. 10 km kein Wald mehr. Baeume gehen ein, Menschen leben da aber immer noch. Murmansk war nach 4 Stunden krassem Holterdipolter erreicht...gut dass wir einen Jeep hatten...und ist voellig anders als andere Grossstaedte im Osten. Meisst hat man ja nur einen kleinen Teil der schoen ist, und drumrum langweilige, monotone Plattenbauten....nunja, Murmansk hat eben keinen schoenen Teil und weier gings, da 2 Stunden Sightseeing, welches aus einer lange Bruecke ueber den Kola-Golf und diversen weiss-rot gestrichenen Fabrikschornsteinen, aus denen es in unterschiedlichen Farben qualmt, bestand (Schwerindustrie hat aber auch was gutes, denn in Murmansk gab es keine Muecken). 6 Lifts hintereinander waren zwar schnell gefunden aber keiner fuhr wirklich weit. Als touristisches Highlight muss natuerlich noch Monchegorsk genannt werden (Nickel- undKupfer-verarbeitung, 50.000 Einwohner und drumrum wieder verbrannte Erde. Gegen halb zwoelf war ich erst 400 km weiter an einer Tanke mitten im nix (wie alles in Nord-Russland) und ca. 100 Moskitos schwirrten um mich rum, als es auch noch voll zum pissen, inklusive einigen gigantischen Wetterleuchhten, angefangen hat. Ich also unter das Dach der Tanke, wo ich mich aber kaum noch bewegen konnte. Dadurch war ich ein noch leichteres Ziel fuer die Blutsauger (sonst lief ich einfach immer im Kreis mit ca. 15 Meter Durchmesser), weshalb ich in's Kafe musste. Stimmung voellig am Boden also. Nur zehn Minuten spaeter standen aber 3 Autos mit 8 Leuten aus Peterburg drin, die zum Fischen irgendwo in die Pampa wollten. Ihnen war der Sprit ausgegangen, weshalb sie die Tankstelle ansteuerten, die aber bloederweise das selbe Schicksal mit ihnen teilte. Da der Russe an sich immer das beste aus der Situation macht, wurde kurzerhand alles Essen ausgepackt , aufgebaut und zudem noch der komische Deutsche der da so dumm-rum stand eingeladen. Erst Essen, dann Trinken (Tee mit schoen-Schuss) und dann noch die Gitarre ausgepackt. Olga (keine Ahnung, ob die so geheissen hat, wuerde aber passen) stimmte eins dieser typischen Herz-Schmerz-Traurig-Lieder an, als just in dem Moment auch noch der Strom ausfiel, und wir im fast-Dunklen sassen (ganz dunkel wirds da ja nicht). Dieses Russland hab ich mir gewuenscht: Wild, rau, herzlich....wunderbar. Um es kurzzumachen: Sie schnorrten sich bei anderen Leuten noch etwas Benzin bis zur naechsten Tanke und eine Stunde spaeter hielt der Typ, der mich bis Novgorod (1.200 km) gefahren hat. So kann's weitergehen.

Gruss aus Moskau

Philipp

Re: Mein Russland Projekt

Geil!!! Super Bericht!

Re: Mein Russland Projekt

cool, das klingt richtig nach Erlebnis!!!

Re: Mein Russland Projekt

Yay, nicht schlecht. Also die beiden "einfachsten" Ecken zuerst? :) Gibts schon irgendwo Bilder?

Re: Mein Russland Projekt

So liebe Trampergemeinde

Bilder gibt's noch nicht, und wird es dank meinen superben Technikkenntnissen auch so schnell nicht geben...

Was jetzt kommt ist eigentlich von gestern, da ging das I-Net aber net...
Heute genehmige ich mir meinen ersten Autostop-freien Tag nach zwei Wochen und da mein Geschreibsel anscheinend tatsaechlich gelesen wurde, mache ich jetzt mal weiter…
Nach 79 Lifts und ziemlich genau 8.500 getrampten Kilometern bin ich mitlerweile in Volgograd (frueher Stalingrad) angekommen und muss sagen, dass mir Russland immer mehr zusagt. Von Moskau gings nach Rostov na Donu, von da nach Sochi (eine scheiss Stadt: Horden von Touristen und Nepp an jeder Ecke) und zu guter Letzt von Sochi wieder ueber Rostov eben nach Volgograd. Die ersten beiden Etappen waren eher langweilig (zu erwaehnen vielleicht der LKW-Fahrer kurz nach Moskau, der mir 200 Rubel geschenkt hat), die Letzte hatte es aber in sich, und zeigte mir sehr klar auf, dass Russland eben doch kein Sparziergang werden wird.
Da es rund um Sochi tagsueber unertraeglich heiss war (38 Grad und ca. 100% Luftfeuchtigkeit), machte ich mich um neun Uhr abends auf den Weg zur Schnellstrasse zwischen Adler und Sochi. Zwei Stunden und Lifts spaeter war ich erst 20 km weiter in der Innenstadt von Sochi, von wo aus es schweisstreibende 8 km an den Stadtrand waren. Da ging net viel und nach ner Stunde beschloss ich, ein paar km mit ner Marschrutka zu fahren (nach meinen eigenen Regeln geht interner Stadtverkehr in Ordnung…). Die fuhr bis zur Stadtgrenze, an der sich ein Milizja-Checkpoint befindet. Die sind immer sehr gut zum Trampen, da alle Autos hier auf 30km/h runterbremsen muessen weil die Bullen grundsaetsich mit ihren Radarpistolen lauern und auf Schmiergeld hoffen. Ein alter Lada hielt auch recht bald, fuhr aber nur zwei Kaeffer weiter zu einem grossen Parkplatz, auf dem nur Taximafia und Besoffene rumlungerten. Staendig kam irgendwer her und wollte irgendwas (Die Suffkoepfe wollten ein paar Rubel und die Taxifahrer mich irgendwo hinbringen). Da hilft nur eins: Kopfhoerer rein, MP3-Player auf volle Lautstaerke und alles ignorieren. Nach ner guten Stunde des unbehagenen Rumstehens hielt gottseidank wieder ein Lada mit drei netten, aelteren Herren drin, die mir beweisen wollten, wie krass man auf der Serpentinenstrecke heizen kann. In Loo war aber wieder Schluss, aber freundlicherweise fuhren sie noch ein Stueck weiter und halfen mir sogar noch, den naechsten Lift zu finden (‘wir haben hier einen verirrten Deutschen der nach Norden will, nehmen sie ihn mit?’), mit dem’s ca 100 km nach Tuapse ging. Hier sollte laut einer Karte, auf der alle Lukoil Tankstellen eingezeichnet sind (gab’s umsonst, eine Karte oder einen Atlas hab ich nicht dabei), eigentlich eine Strasse nach Majkop geben, doch obwohl ich das ganze Kaff abgelatscht bin, gab es die einfach nicht. Ich war schon recht muede (es war mitlerwile 4 Uhr) und dachte kurzerhand: Egal, dann fahr ich eben so zurueck, wi ich gekommen bin. Sechs Stunden und 4 Lifts spaeter kam ich aber erst in Dschubga (40 km weiter) an…Mitlerwile war ich echt platt, als es auch noch in Stroemen zu regnen began. Na toll!!! Ein Auto hielt trotzdem und ein Kaukasier mit seiner Freundin drin antworteten auf meine Frage, ob sie nach Krasnodar fahren mit ja. Dort passierte ca. eineinhalb Stunden spaeter das, auf das ich eigentlich nur gewartet habe: Als ich aussteigen wollte, fiel das wort ‘Dengi’ (Geld). Vollkommen ueberzogene 2000 Rubel (fast 50 Euro) waren sein Startangebot, worauf ich erstmal 100 in die Runde geworfen hatte. Da mein Rucksack im Kofferraum war, hatte ich auch nicht grade die beste Verhandlungsbasis….Auf 500 Rubel hab ich ihn letztendlich noch runtergebracht (13 Euro) und mich mit einem freundlichen ‘Fuck you’ (soviel Englisch wird er wohl verstehen) verabschiedet. Seis drum, ich buch das mal als Warnschuss ab, dass man in Russland auch nach noch so vielen tollen Erfahrungen (von 46 Lifts waren 45 super) nicht zu leichtsinnig werden sollte. Ich war jedenfalls erst mal platt (mittlerweile seit 29 Stunden wach und es hatte gute 30 Grad) und wollte nur noch pennen. Stadtplan mit allen Hotels gabs am Bahnhof fuer’n Euro und ich erst mal los zu einem, welches ich billig vermutete. Aber Pustekuchen! In zwei recht schaebigen Absteigen wurde mir nur gesagt: Auslaender haben in Krasnodar im Intourist zu uebernachten, und das kostet 60 Euro…Nicht mit mir, dann fahr ich eben auf biegen und brechen noch weiter und zelte irgendwo. Die Weiterfahrt war dann wirklich auf biegen und brechen, denn in drei Stunden kam ich in 2 Lifts nur 20 km an eine Tankstelle. Spitze! Ein Bussiness-Anwalt (sagt zumindest seine Visitenkarte) und ein Milizionaer retteten mich aber und fuhren sehr russisch 150 km. Man stele sich das mal in Deutschland vor: Anwalt und Bulle fahren mit 140 (100 sind erlaubt), wobei beide Bier trinken (ich hab selbstverstaendlich auch was gekriegt) und die leeren Flaschen einfach beim Fenster rauswerfen. Einfach cool…Dannach kamen noch ein 40 km Lift, ein Opa im alten Volga nach Rostov (120 km), bei dem’s noch Brot und fette Wurst gab, und nochmal einen ca. 30 km bis zu ner Tanke. Jetzt war es Mitternacht (ich war also 41 Stunden wach, in denen ich hoechstens mal ein paar 30 Minuten Nickerchen auf dem Beifahrer Sitz machte) und ein Zeltplatz nicht in Sicht. Nur Muell und streunende Hunde und Katzen. Aber Russland waere ja nicht Russland, wenn nicht auch hier was gehen wuerde, denn Sergej und Anton, die in der Tanke Nachtschicht schoben, haben mir kurzerhand angeboten, in der Garage zu pennen….Spassibo!!! Am naechsten morgen um sechs gings weiter, aber ausser einem Reifenplatzer ist bis Volgograd nix spannendes mehr passiert.
Morgen geht’s weiter ueber Saratov nach Samara…so langsam aber sicher komme ich nach dem Prolog in Skandinavien und dem Vorgeplaenkel in West-Russland also in die transsibirische Spur….Juhuuu…

Da es sich hier um ein Tramper-Forum handelt, noch ein paar Sachen zum Verkehr in Russland:

Die Autos verteilen sich wie folgt: Ca. 20% sind nagelneue Protzkarren aus meisst deutscher Produktion. Die halten nie, wenn man sie aber stehend an ner Tanke erwischt, hat man zumindest als offensichtlich aus West-Europa kommender Chancen. 50 % sind Gebrauchte Autos aus Europa, bei denen die Chancen nicht schlecht stehen und der Rest sind alte Volgas und Ladas, die zwar oft mal anhalten, aber so gut wie nie weit fahren, und bei denen man immer klar machen sollte, dass man nix zahlen will.
Bei den LKWs verhaelt es sich aehnlich: 50% sind Second Hand aus Europa oder Amerika und halten schon mal. Wenn sie stehen sind die Chancen aber 10 mal besser. Der Rest sind uralte Kamaz, die selten halten. Wenn doch, sind sie langsam (30 km/h als Schnitt), stinken und ihre Stossdaempfer haben vielleicht zu Breschnew’s Zeiten mal irgendwas gedaempft.
Die Strassen sind voellig unberechenbar: Auf Landkarten sind zwar alle Magistralen mit dem Autobahn-Symbol gekennzeichnet, aber es kann dort von der zweispurigen Holperpiste, auf der 40 km/h schon gut sind und es kein Rechtsfahrgebot gibt, sondern man einfach da faehrt, wo noch etwas Teer ist bis zur nagelneuen Autobahn alles kommen. Vekehr ist aber tags wie nachts recht ordentlich, und sofern man eine Leuchtweste dabei hat, spielt die Tageszeit auch nur eine untergeordnete Rolle.
Gefahren wird in der Stadt wie verrueckt, ueber Land aber erstaunlicherweise recht zivilisiert (vielleicht wegen der vielen Militsja). Zwar nicht so regelkonform wie in Deutschland, aber auch nicht so krass wie in Polen.
Und zu gutter Letzt noch zur Verstaendigung: vonn 46 Fahrern in Russland konnten ganze 3 etwas gebrochen Englisch. Sofern man kein oder nur ganz wenig (wie ich) russisch kann, ist also Improvisation angesagt…

Re: Mein Russland Projekt

So, liebe Freunde der gepflegten Anhalterei,
Nach spannenden, lustigen, ab und an anstrengenden und manchmal auch langweiligen 14.000 Kilometern Autostop ist der Baikalsee mitlerweile erreicht und ich bin 7 Zeitzonen oestlich in Irkutsk gelandet.Fuer russische Verhaeltnisse wimmelt's hier geradezu an Touristen und waehrend man anderswo als Auslaender gar nicht uebernachten darf, reiht sich hier Hostel an Hostel. Mit dem Einheitspreis von 500 Rubel die Nacht (=14 Euro) sind die aber nicht gerade billig und fuer Waesche waschen und trocknen wollen die 200 Rubel...nicht mit mir, fuer was gibt's ein Waschbecken...meine Klamotten haengen jetzt also (hoffentlich noch) an einem Kinderkarusell im Park...Die letzten Tage waren zwar etwas teurer, dennoch kann sich mein Tagesbudget von 8,70 Euro denke ich immer noch sehen lassen. Vor allem wenn man bedenkt, dass ich nicht grade sparsam bin (fuer meine Verhaeltnisse...). Mit anderen Touris hier ueber ihre Reise zu reden macht allerdings wenig Sinn, da alle exakt die gleiche transmongolische-Eisenbahn (sie denken zwar alle, es sei die transsibirische) Tour in die Mongolei und dann weiter nach Peking machen. Auf dem Land war von denen noch niemand (oder wenn doch, dann nur als gefuehrte Tour) und so denken die alle, Russen sind unfreundliche, geldgierige Monster...selber schuld wer hier nicht trampt...
Heute ist aber Pausentag Nummer 2 der Tour, da ich gestern mit zwei Hamburgern und viel Vodka etwas versumpft bin, und meine 3.500 km Koenigsetappe nicht schon verkatert anfangen will.
Die ganze Route von Volgograd hierher zu schildern wuerde den Rahmen wieder sprengen (soll ja kein Protokoll sein), drum greife ich wieder mal nur ein "kurzes" Stueck heraus. Wir befinden uns also in Novosibirsk am Dienstag Mittag und ich habe mich gerade von meinem Host verabschiedet. Nach vollkommen planloser U-Bahn und Bus Irrfahrt war es schon 4 als der ??? Posten erreicht war. Dort hielt recht schnell ein freundlicher aelterer Herr, der aber nur 30 Kilometer fuhr (ich haette da gar nicht mitfahren sollen, aber ich wollte unbedingt weg) und mich an einem voellig bescheidenen Platz wieder rausliess. Von dort war ein 4 Kilometer weiter Fussmarsch angesagt und meine Stimmung war ziemlich im Keller. Schon frustrierend, wenn man in 6 Stunden nur 30 Kilometer weit gekommen ist, und noch 1.850 vor sich hat. Es daemmerte also schon, als ein alter japanischer LKW hielt. Die nehmen gerne Tramper mit, da sie das Lenkrad rechts haben und deshalb immer jemanden brauchen, der sie beim ueberholen einweist, was grundsaetzlich ein Mordsspass ist ("njet, njet, njet" [Auto faehrt vorbei] "Charascho, dawai, dawai,dawai"). Mit dem gings bis zu einem Kuehllager in Kemerowo (250 km) und es war Mitternacht. Hier bin ich also erstmal gestrandet....wuerde der Text jetzt in Europa weitergehen....aber wir sind hier nicht in Europa.....Deshalb weckte mein Fahrer (Vladimir hiess er und hatte auch koerperlich etwas von seinem ukrainischen Namensvetter Klitschko) weckte kurzerhand Juri, der in seinem LKW pennte, und fragte ihn, ob ich bei ihm pennen koennte. Einen Auslaender, der kaum die Landessprache kann, soll ich nachts um halb eins in meinen LKW lassen??? Aber immer! Ein lauwarmes Starkbier hatte er auch noch fuer mich und er hatte die seltene Gelegenheit, seine Deutschkenntnisse auszuprobieren (eins, zwei, drei, Hitler kaputt) waehrend ich's mit russisch probierte. Sprechen geht schon ganz ordentlich und ich kann mit meinem grammatikfreien rustikalen Russisch eigentlich irgendwie immer alles sagen, was ich will, nur mit dem Verstehen hapert's noch ordentlich. Russen sind es nicht gewohnt, mit Auslaendern zu sprechen und ich ware ueber einen "Du-gehen-dort" Stil ueber den ich mich zuhause immer tierisch aufrege, froh. Frische Bettwaesche hatte er auch noch und gute Nacht.
Am naechsten morgen war rst mal Warten angesagt und zum Fruehstueck gab's kaltes Haehnchen mit Brot. Was Essen und Trinken angeht habe ich mich der Zimmermann-auf-der-Walz Ethik angeschlossen, was heissen soll: Was auch immer mir angeboten wird, wird restlos reingehauen. Von Bier zum Fruestueck, mehr-Fett-als-Fleisch-Schaschlik ueber Volga-Fisch, bei dem man selber die Innereien rausnehmen musste (schmeckte aber vorzueglich) bis zur Muschel Suppe, bei der ich dann doch mit koerpereigenen Abwehrreflexen kaempfen musste, war bisher alles dabei und mein Magen macht's sogar irgendwie mit...
Nun war aber erst mal russische Geduld angesagt, da wir noch auf unsere Ladung und die dazugehoerigen Papiere warten mussten. Eine Kantine hatte das Kuehlhaus auch und dort gab es ein echt gutes Essen (Suppe, Schnitzel mit Kartoffelbrei, 2 Salate und Brot) fuer 46 Rubel (weniger als 1,50 Euro)...da kann man nicht meckern...
Um 3 ging's dann endlich los und dank der vielen verplemperten Zeit und einem Zeitzonenwechsel war es ein Uhr nachts, als ein verwaister Parkplatz nahe Krasnojarsk erreicht war. Zudem regnete es in Stroemen, weshalb ich mich in ein nahes Hotel verzog, in dem ich sogar uebernachten durfte. Kostete zwar 20 Euro, war mir in dem Moment aber egal...Im Budget sind 10 solcher Pannen eingeplant, das war die Erste...
Der naechste Morgen brachte um 10 einen Lift an die Stadtgrenze und dort einen uralt-Lada mit jungem Fahrer und seinem besoffenen Vater drin. Die sagten, sie fahren zur M53, bogen dann aber in Richtung Stadt ab. Ich wollte schon aussteigen, aber falscher Alarm, denn uns war nur das Bier ausgegangen, weshalb einer der vielen Produkti-Laeden angesteuert wurde, und ich auch ein kuehles Blondes in die Hand gedrueckt bekam. Es war zwar erst 11 Uhr, aber was angeboten wird....ihr wisst ja...Nach 20 Kilometern war an einer Raste Schluss (dorthin fuhren sie nur meinetwegen und drehten dann wieder um...Spassibo!) und dort fischte ich die Koenigsforelle: Netter LKW-Fahrer, der bis nach Irkutsk (ueber 1.000 Kilometer) faehrt. Die Strasse wurde jetzt aber....naja, sagen wir mal: wechselhaft...Mal ganz gut, mal schlecht und einige Stuecke fehlten noch komplett, so dass es mit Schritttempo durch den Morast ging. Hier waren uns dann die russischen uralt-Laster mit ihren riesigen Reifen ueberlegen. Andere Philosophie eben: In Deutschland baut man gute Strassen, in Russland robuste Lastwaegen. Nur Profil brauchen deren Reifen nicht, denn dass bietet ja die Strasse...Jetzt verstehe ich auch das russische Sprichwort "In Russland gibt es keine Strassen, sondern Richtungen." Nach 12 Stunden Fahrt ohne Pause (Lenkzeitenbeschraenkungen gibt's hier nicht) waren gerade mal 600 Kilometer geschafft, und das auch nur, weil unser Laster gute 100 km/h fuhr und wir auf den passablen Stuecken der Strecke gerast sind wie bekloppt. Uebernachtet wurde an einem 24 Stunden Lokal (selbstverstaendlich wieder im LKW) and dem nach fettem Abendessen (umsonst) und einer Pulle Vodka auch die noetige Bettschwere erreicht war. Am naechsten Morgen ging's dann schnurstracks, unterbrochen nur von einer Fruehstueckspause (Hackfleisch im Teigmantel...man beisst ein kleines Loch in den Teig, saugt das Fett raus und isst dann den Rest...Russland ist eben kein Vegetarierland) nach Irkutsk.
Noch ein bissl was zur Landschaft hier: Nachdem's anfangs recht interessant war (erst rauf in die Arktis, dann runter zu den Sonnenblumenfeldern am Don, dann in den Kaukasus bis an's Schwarze Meer und anschliessend noch 400 Kilometer an der Volga entlang), hat man in Sibirien oft das Gefuehl, man steht den ganzen Tag....Praerie, Wald, Dorf, Wald, un so weiter, bis nach 500 Kilometern wieder mal eine Stadt kommt. Der Ural war auch enttaeuschend. Aufgrund der Tatsache, dass dieses Gebirge das Ende Europas markiert, kennt es zwar jeder, es ist aber nur 1.000 Meter hoch und errinnert ein bisschen an den Bayrischen Wald. Dafuer sind die Leute hier umso cooler!!!
Morgen geht's los in die Wildniss ueber Ulan-Ude, Chita und Newer rauf nach Jakutsk....ich freu mich schon...

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