spiegel.de - "Verein 'Abgefahren' - Trampen nach Plan" (28.09.2007)
Auf Spiegel Online kam ein recht kritischer Beitrag über Abgefahren von Lisa Sonnabend. Der Beitrag ist im Original hier zu finden.
SPIEGEL ONLINE - 28. September 2007, 14:30
URL: http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,508189,00.htmlVEREIN "ABGEFAHREN" Trampen nach Plan
Von Lisa SonnabendTrampen in Zeiten des Internet: Statt sich spontan mit gerecktem Daumen an den Straßenrand zu stellen, surft der moderne Anhalter vor der Abfahrt durchs Web. Mit Tipps und Tricks will der erste Tramp-Verein Deutschlands mit seiner Website das Hitchhiken wieder populärer machen.
Hamburg - "Der beste Platz ist die am Verteilerkreis gelegene Tanke", ist im Netz zu lesen. "Jeder, der Trier über die Autobahn verlassen möchte, muss hier vorbei. Außerdem befindet sich hier ein McDonald's, der potenzielle Mitnehmer anlockt." In Zeiten des Internet tritt Planung an die Stelle der Spontanität.
Mit der richtigen Vorbereitung gelangen Tramper meist schneller von einem Ort wie dem rheinland-pfälzischen Trier hinaus in die weite Welt. Zwar gehören das Pappschild mit dem aufgemalten Autokennzeichen des Zielortes und Daumen hoch immer noch zum Trampen, doch Webseiten helfen den Anhaltern, Erfolg versprechende Startplätze aufzusuchen, andere Mitfahrer zu finden und Gefahren zu meiden.
In Berlin wurde vor kurzem der erste Tramperverein Deutschlands gegründet: "Abgefahren - Die Deutsche Autostop Gesellschaft" betreibt die Online-Datenbank "Hitchbase". Das Ziel des Vereins: Sie wollen Trampen einfacher und bekannter machen und Anhalter untereinander vernetzen. Tramper können sich auf den Seiten Tipps holen, in einem Forum tauschen sie sich über Erfahrungen aus. Eine Frauenbeauftragte steht mit Rat zur Seite.
Das ist zum Beispiel "Aenni22", die Anfang Oktober nach Barcelona trampen will und noch eine Begleitung sucht. Sie kenne die Strecke gut und schaffe es meist von Freiburg in 16 bis 24 Stunden aus. Das sind Katja aus Deutschland und Augustas aus Litauen, die durch Lateinamerika trampen und von ihren Erlebnissen auf einem Blog berichten. Und da sind Christian, Paul und Lucian, die die besten Tramp-Stellen für Rumänien zusammentragen.
"Deutschland ist das beste Trampland"
150 Mitglieder sind dem gemeinnützigen Verein bereits beigetreten, knapp 800 Besucher nutzen die Seite täglich, schätzt Stock. Es gibt derzeit etwa 500 Tipps für 40 Länder. Zum Vergleich: Die Seite der Mitfahrgelegenheit "Mitfahrzentrale" hat rund 700.000 registrierte Nutzer.
"Wir wollen zeigen, dass Trampen eine spannende und unkomplizierte Sache ist", sagt Jonathan Stock, Geschichtsstudent und Schatzmeister von "Abgefahren". Gestern ist Stock von Hamburg nach Berlin gefahren, um seine Freundin vom Flughafen abzuholen. Natürlich ist er getrampt. Gewartet hat er nicht einmal eine Viertelstunde, mitgenommen hat ihn ein Modellbootbauer. Schon bis nach Indien ist der 24-Jährige vor einiger Zeit per Anhalter gefahren. Beeindruckt hat ihn dabei, wie freundlich und hilfsbereit die Menschen in Ländern wie dem Iran waren. "Doch Deutschland ist das beste Trampland der Welt", sagt Stock, "Viele sind hier früher selbst oft getrampt und nehmen einen deswegen gerne mit."
Mehr Tramper bei teurer Bahn
Es scheint, als seien zumindest in Deutschland die goldenen Zeiten des Trampens vorbei. Wer billig reisen will, nutzt heutzutage die Mitfahrzentralen. Nur selten wartet ein Rucksackträger mit gerecktem Daumen am Straßenrand. Doch Stock sagt, Tramper seien nur nicht mehr so häufig zu sehen, weil sie die Methode im Laufe der Jahre geändert haben: Sie sprechen jetzt Fahrer meist direkt an der Tankstelle oder einem Rastplatz an. Stock ist sicher: Wenn die Bahn wieder streikt und weiterhin die Preise erhöht, werden wieder mehr Menschen trampen. "Aber dass eine Tramp-Revolution auf uns zukommt, glaube ich nicht." Der Verein wolle schließlich auch nicht, dass sich alle plötzlich per Anhalter fortbewegen, "sonst gibt es ja niemanden mehr, der uns mitnimmt".
Der Verein preist die Vorteile des Trampens: Es sei umsonst und umweltfreundlich. Der eigentlich untrennbar mit dem Prinzip des Anhaltens verbundene Spontaneität will "Abgefahren" allerdings den Todesstoß versetzten. Die ordentlich organisierten Hitchhiker fordern, in Deutschland großflächig Tramphaltestellen mit Haltebucht und Schild einzurichten, und werben online um Unterstützer für eine Petition. In den Niederlanden und in der Schweiz gibt es bereits solche Haltestellen, in Potsdam wird die erste deutsche Tramphaltestelle gerade getestet.
DAUMEN HOCH: SIEBEN TIPPS FÜR BESSERES TRAMPEN
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