abgefahren e.V.

DIE ZEIT - Trampen Der Präsident des Vereins Abgefahren im Interview (22.11.2007)

Die Zeit online, leben - Trampen Der Präsident des Vereins Abgefahren im Interview
Die Zeit veroeffentlichte ein schoens Inverview mit Markus.

Quote:
Daumen raus

Markus Bergmann, 23, Diplomingenieur (FH) für Energie und Umwelttechnik aus Freiburg, ist Präsident des Trampervereins Abgefahren.

Herr Bergmann, haben Sie ein Auto?
Ja, einen kleinen gelben Bus. Allerdings starte ich nur ganz selten seinen Motor. Ich wohne nämlich drin. Der Bus bleibt auch dann stehen, wenn ich am Wochenende meine Eltern in Zittau besuche. Da stelle ich mich lieber an die Straße und trampe.

Müssen Sie lange warten, bis Sie jemand mitnimmt?
In großen Städten ist es manchmal schwierig, wegzukommen. Paris mit seinem chaotischen Verkehr zum Beispiel ist der Horror. Aber wenn man die Plätze kennt, an denen die Leute vorbeifahren, wenn sie zur Autobahn wollen, geht alles ganz schnell. Und sobald ich eine Tankstelle auf einer Autobahn erreicht habe, weiß ich, dass ich an meinem Ziel ankommen werde. Dann finde ich innerhalb von zwei Minuten jemanden, der mich in sein Auto einsteigen lässt.

Zwei Minuten? Wirklich?
Ja, heute wird man so schnell mitgenommen, dass man fast keine Tramper mehr in Deutschland sieht. Viele glauben deshalb, dass wir ausgestorben sind. Das dachte ich mit 17 auch, als mich ein Kumpel auf die Idee brachte. Trampen war für mich etwas für Hippies, eine Sache aus den Siebzigern, die längst niemand mehr macht. Doch dann hat es mich gepackt. Seither ist Trampen meine Reiseform.

Wie trampt man richtig?
Zuerst sollte man sich eine gute Stelle suchen, an der die Autos auch halten können. Es ist sinnvoll, eine große Pappe dabeizuhaben, auf dem das Ziel oder die nächste Autobahn steht. Dann Daumen raus und immer den Blickkontakt zu den Autofahrern suchen. An den Tankstellen kann man Autofahrer direkt ansprechen. An der Raststätte hier in der Nähe von Freiburg frage ich dann: Fahren Sie die A6, und haben Sie einen Platz frei? Dass ich Tramper bin, sage ich immer als Zweites.

Wie viele Kilometer haben Sie schon zurückgelegt?
Um die 50.000. Früher war ich jedes Wochenende auf der Straße, um meine Freundin zu besuchen. Ich habe viele Deutschlandtramps mit drei-, vierhundert Kilometern gemacht. Meine weitesten Reisen gingen nach Istanbul und einmal auch über Polen nach St. Petersburg. Da habe ich in zwei Monaten nur 200 Euro ausgegeben, bin zum Essen eingeladen worden und habe bei Leuten übernachtet, die über Internetportale Schlafgelegenheiten anbieten. Einmal hat mich ein Fahrer zu einem Dorf mitten im Grünen gebracht, in dem die Menschen wie Indianer lebten, ein anderes Mal hat mich ein Lkw-Fahrer 1200 Kilometer mitgenommen. Er konnte kein Englisch, nur Polnisch. Wir haben uns mit Gesten unterhalten. Es hat funktioniert.

Warum machen Sie das? Mit dem Flugzeug wäre doch alles bequemer?
Ich denke immer: Hey, hier fahren so viele Autos, und es sitzt nur einer drin. Trampen schont die Umwelt, schützt das Klima und dient der Völkerverständigung. Es ist eine schöne Möglichkeit, ohne viel Geld andere Kulturen kennenzulernen. Ich empfinde es als Verlust der Reisekultur, wenn man für seinen Urlaub in ein Flugzeug steigt, landet und dann mit dem Bus im Hotel abgeliefert wird.

Aber wenn Sie auf Autobahnen unterwegs sind, sehen Sie auch nicht mehr als den Mittelstreifen; und der sieht in allen Ländern gleich aus.
Stimmt. Um schnell vorwärtszukommen, ist man leider an die großen Straßen gebunden. Kleine Straßen bieten mehr Abenteuer, da reist man schon mal auf der Ladefläche eines Pick-ups. Aber mir geht es auch um die Menschen hinter dem Steuer. Mich interessiert: Wer ist das? Was macht er? Warum nimmt er mich mit?

Erkennen Sie vorher, wer Sie mitnehmen wird und wer nicht?
Nein, das kann man nie genau sagen. Manchmal schauen die Leute grimmig, doch kaum spricht man sie an, lächeln sie und lassen einen einsteigen. Ganz oft nehmen mich Geschäftsleute mit.

Hatten Sie nie Angst?
Trampen ist nicht gefährlicher, als nachts alleine durch die Straßen zu laufen. Manche von uns nehmen zur Sicherheit ein Pfefferspray mit oder simsen das Autokennzeichen einem Freund.

Zusammen mit anderen Trampern haben Sie in diesem Jahr einen Verein gegründet.
Ja, wir wollen uns besser vernetzen und den Menschen bewusster machen, dass es Tramper in Deutschland gibt. Zu finden sind wir im Internet unter abgefahren.hitchbase.com. In anderen Ländern geht man mit dem Thema anders um: In Holland gibt es Tramphaltestellen, erkennbar an einem Schild mit einem Daumen. In der Schweiz sind sie sogar videoüberwacht. In Rumänien gehört das Anhalten zum Alltag. Dort stehen dann 30 Leute an der Straße, vom alten Mütterchen mit Kopftuch bis hin zum Jugendlichen.

Und wie sind so die anderen Mitglieder im Tramperverein?
Ganz verschieden. Klar findet man Studenten, Auszubildende, junge Menschen, die sich so die Möglichkeit schaffen, für wenig Geld die Welt zu entdecken. Doch es gibt auch überzeugte Tramper, die diese Reiseform seit Jahren regelmäßig nutzen. Oder Extremtramper, die etwa wegen der besonderen Atmosphäre nur nachts unterwegs sind.

Interview: Christine Böhringer

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