abgefahren e.V.

Schweiz-Polen-Schweiz, März 08

Freitag: Schweiz-Polen:
Beginn unspektakulär, da per Mitfahrgelegenheit.de frühmorgens von Zürich weg. Abgemacht wäre bis Dresden, aber schon kurz nach Stuttgart entdeckt mein Fahrer ein Auto aus Wroclaw, Audi quattro, mein Fahrer meint: "Der Typ scheisst ja ziemlich Sahne, wa?!" und hat auch recht. Aber der Pole räumt sein ganzes Auto für mich um und nimmt mich mit. Kommunikation ist sehr schwierig, da er nur etwa 3 Wörter englisch spricht und ich ebensoviel polnisch... Zügige Fahrt, meistens fast zu zügig. Agressiver Fahrstil, hupen, drängeln, rechts überholen.. Nach der Grenze sagt mein Fahrer "last night, me no sleep!". Ich versuche ihn wachzuhalten, überlege auszusteigen, aber die A4 in Polen kenn ich noch nicht gut, Tankstellen und Raststätten sind nicht vergleichbar mit denen in Deutschland, und ich bin müde und will endlich ankommen. Schlussendlich brauche ich von Zürich bis Wroclaw nur 10 Stunden...

Bilanz Schweiz-Polen: 10 Stunden, 2 Fahrer, Wartezeit: 0 Minuten

Montag: Polen-Schweiz:
06.00 Uhr: Eine Freundin fährt mich netterweise auf eine Tankstelle beim Einkaufszentrum Wroclaw Bielany. Tanken tut keiner, aber aus Wroclaw kommende Autos fahren an der Tanke vorbei, es gibt eine Haltemöglichkeit, also stehe ich mit "D"-Schild in der Kälte. Ein Polizeiauto fährt an mir vorbei und hält auf der Tanke, sie steigen aber nicht aus, gucken nur.. nach 10 Minuten werde ich mitgenommen von zwei Polen, die nach Berlin fahren. Ich will bei Görlitz über die Grenze, steige aber trotzdem ein, wegen Kälte und Polizei. Und verwerfe zum ersten Mal meinen Vorsatz, nicht bei zwei Männern einzusteigen... Sie sind auch sehr nett, kennen jedoch die Strecke ebensowenig wie ich, auf meiner Strassenkarte sind auf polnischer Seite keine Tankstellen und Parkplätze eingezeichnet.

So werde ich, kurz bevor sich die Strasse teilt (Dresden / Berlin), auf einem Parkplatz ohne Tankstelle abgeladen. Dort warte ich eine halbe Stunde, in der nur ein einziges Auto hält, aber auch nach Berlin fährt. Dann hält ein Auto mit Anhänger, voll mit Gepäck. Drinnen sitzen zwei kahlrasierte Typen mit schwarzen Lederjacken, Technobässe dröhnen aus dem Innern.. Sie steigen aus zum rauchen. Schliesslich überwinde ich mich, meinen Vorsatz ein zweites Mal zu brechen und spreche sie an. Aber sie haben kein Platz, sagen sie. Steigen ein aber fahren nicht los. Steigen wieder aus, räumen das Auto aus und wieder ein, schaffen Platz, winken mich her. Ich steige ein und es geht los. Sie sprechen ein bisschen deutsch, wollen meine Reiseroute wissen, lesen Strassenkarten, funken in der Gegend rum um mir einen Fahrer zu organisieren. Kurz nach Dresden finden sie einen!

Steige also zwischen Dresden und Chemnitz direkt um, wieder zu einem Polen, für die nächsten 200km. Er spricht kein deutsch und ganz wenig englisch, kommt schon bald auf das Thema "Sex" zu sprechen und bald wird auch klar, worauf er hinausmöchte. Zum Glück teilen sich unsere Wege schon bald und er organisiert mir auch noch einen Fahrer für weiter. Wieder steige ich ohne Wartezeit direkt um, diesmal in einen LKW zu einem Polen, der sozusagen kein englisch/deutsch spricht. Er flucht unablässig, aber ist sehr nett und zeigt mir dauernd ganz stolz Fotos von seinen Kindern und seiner Frau. Er muss eigentlich bis nach Basel, was perfekt wäre. Allerdings könnte uns die Ruhezeit in die Quere kommen. Er sagt, er müsse in "nurnberg pietnascie minuta abladen", also 15 Minuten nur. Für mich kein Problem, bin froh, bis Basel einen Lift zu haben, oder zumindest bis kurz vorher. In Nürnberg: Stau, Umwege, er findet nur mit Mühe das Gelände einer grossen Giesserei, wo er etwas abladen will. Dort wird er von Pontius zu Pilatus geschickt, niemand ist zuständig, er kurvt herum und flucht ohne Ende. Aus 15 Minuten werden 4 Stunden!!!

Als wir endlich draussen sind, kommen wir bereits in den Feierabendverkehrsstau! Es wird klar, dass er maximal bis zur Raststätte Hohenlohe fahren darf. Dort angekommen ist es 18 Uhr und es gibt nur wenige Autos. Diejenigen in meine Richtung sind voll. Ich bin müde und nerve mich, dass ich überhaupt in einen langsamen Laster eingestiegen bin. Meinem Fahrer ist es nirgens recht, und er schimpft mit mir, dass ich überhaupt trampe. Notfalls könnte ich in seiner Kabine pennen, er hat zwei Betten, und dann morgen mit ihm nach Basel. Das wäre für mich auch eine gute Lösung, denn ich bin müde und hab kein Bock mehr auf weitertrampen. Lasse also mein Gepäck beim ihm und setz mich zur Tankstelle, um etwaige Schweizer Autos abzufangen. Fast niemand fährt hin, erstaunlich wenig Verkehr. Plötzlich kommt ein Auto mit einem Nummernschild, das mir irgendwie vertraut vorkommt - ein Berner! Ich stehe vor dem Auto, bevor der Fahrer ausgestiegen ist und kann mein Glück kaum fassen. Kann also von polnisch direkt in berndeutsch wechseln und der Fahrer kann mich mitnehmen bis 2, 3 Dörfer vor meinem Zuhause!!

So renne ich nochmal zum LKW, hole mein Gepäck, wünsche gute Nacht und fahre in die Schweiz. Unterwegs stellt sich noch heraus, dass ich als Kind auf einem Mähdrescher mitgefahren bin, den mein Fahrer persönlich aus Deutschland in mein Dorf importiert hat.

Bilanz Polen-Schweiz: 15 Stunden, 6 Fahrer, Wartezeit: 1h 40 Minuten

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